Rückblick: Stuttgarter Stadtmeisterschaft 2012

Am „langen“ Wochenende zu Christi Himmelfahrt findet traditionell die Offene Internationale Stuttgarter Stadtmeisterschaft im Schach statt. Ausgetragen wurde das Turnier dieses Jahr (17. – 20. Mai 2012) wieder im angestammten Ditzingen, einer beschaulichen, wenige Kilometer nordwestlich von Stuttgart liegenden Stadt von etwa 25000 Einwohnern. Im Vorjahr musste ins benachbarten Gerlingen ausgewichen werden, da in der Ditzinger Stadthalle noch die Folgen eines Wasserschadens, verursacht durch sintflutartige Regenfälle im Jahr 2010, beseitigt werden mussten.

273 Schachspieler wollten es wieder wissen, 23 mehr als ein Jahr zuvor. Für viele von ihnen gehört das familiäre Turnier, das seit einigen Jahren von einem eingespielten Team aus den Schachabteilungen des SSV Zuffenhausen, des TSF Ditzingen sowie des Schachklubs „e4“ Gerlingen organisiert wird, zu den absoluten Höhepunkten des Schachjahres. Man schätzt die freundliche, entspannte Atmosphäre, das hervorragende, frisch vor Ort zubereitete Essen, natürlich aber auch die sportliche Herausforderung. Für das A-Turnier hatten sich immerhin 5 Großmeister angekündigt, ergänzt wurde das Feld durch einige sehr starke Spieler aus dem Raum Stuttgart. Für die weniger ambitionierten Schachamateure gab es daneben ein B-Turnier (bis zu einer Turnier-Wertungszahl von 1900) und ein C-Turnier (für Spieler mit Wertungszahlen unter 1500), für das sich vor allem Jugendliche Schachanfänger angemeldet hatten.

A-Turnier

Als Topfavorit im A-Turnier galt Großmeister Vladimir Epishin aus Russland. In den achtziger und neunziger Jahren gehörte er zur erweiterten Weltspitze und war Sekundant des früheren Weltmeisters Anatoli Karpow. Zwar kann er seit einiger Zeit nicht mehr ganz an die damaligen Leistungen anknüpfen, doch ist er immer noch ein bärenstarker Spieler und gilt als Spezialist für offene Turniere wie die Stuttgarter Stadtmeisterschaft. Aber auch mit den anderen Großmeistern war jederzeit zu rechnen. Auf Startplatz zwei gesetzt war Thomas Luther, der schon zwei mal dabei war, 2008 einen starken zweiten Platz belegte und den Turniersieg nur ganz knapp aufgrund der schlechteren Feinwertung verpasste… Auf seinen ersten Sieg in Stuttgart hoffte auch Vyacheslav Ikonnikov aus Russland, der bereits dreimal um die Stuttgarter Stadtmeisterschaft gespielt hat. Seine besten Ergebnisse hatte er in den Jahren 2006 und 2010, als er jeweils knapp zweiter wurde. Im Vorjahr musste er sich mit einem enttäuschenden 7. Platz begnügen. Dieses Jahr brachte er mit seinem Landsmann und Vereinskollegen Aleksandr Karpatchev einen weiteren Großmeister mit, dem der Turniersieg durchaus zuzutrauen war. Fünfter Großmeister im Bunde war der bekannte Schachautor Lev Gutman. Für Gutman, Jahrgang 1945 und damit einer der ältesten Teilnehmer im A-Turnier, sollte 2012 die 7. Teilnahme in Stuttgart sein; dass es für ihn bisher nur im Jahr 2005 mit Rang 3 zu einem Platz auf dem Siegertreppchen gereicht hat, durfte kaum ein Grund sein, ihn zu unterschätzen.

In den ersten beiden Runden gab es keine besonderen Überraschungen, die Favoriten gewannen ihrer Partien jeweils recht problemlos. Dramatisch dagegen die dritte Runde. Dass Epishin und Gutman gegen starke Gegner nur remis spielten, konnte vielleicht noch als kleine Betriebsstörung abgetan werden, ihre Chancen auf den Turniersieg wurden zwar geschmälert, waren aber durchaus noch vorhanden. Für Thomas Luther dagegen war nach der dritten Runde bereits Schluss: Gegen das junge Talent Michail Petermann hatte er lange Zeit Schwierigkeiten, nach der Zeitkontrolle fehlte im Endspiel ohne jegliche Kompensation einfach ein Bauer. Luther verteidigte sich zäh, doch Petermann spielte erfindungsreich, die schwierige Lage kostete viel Zeit. Am Ende wurde es sehr hektisch, denn beide Spieler hatten nur noch Sekunden auf der Uhr. Bis dahin hatte Petermann seinen Vorteil halbwegs aufrecht erhalten, in den letzten Sekunden verdarb er seine Stellung noch zum Remis. Doch Luther überschritt eben in jenem Moment, als er die Partie gerettet zu haben schien, die Zeit… Sein Remis-Antrag in letzter Sekunde an den Schiedsrichter, der das Drama pflichtgemäß aus nächster Nähe verfolgte, half nichts mehr. Schiedsrichter Peter Faiß anerkannte die Gewinnversuche von Petermann und den noch auf dem Brett befindlichen Mehrbauern. Der Großmeister hatte sensationell gegen einen krassen Außenseiter die Partie verloren und damit praktisch auch sämtliche Chancen auf den ersten Platz. Frustriert beendete Luther daraufhin das Turnier.

Noch hat Thomas Luther (r) gut lachen. Nach einem dramatischen Spielverlauf wird sich aber Michail Petermann (l) durchsetzen.

Im weiteren Turnierverlauf spielten sich mit Igor Neyman und Andreas Strunski zwei Stuttgarter ganz nach vorne, doch an den Großmeistern war kein vorbeikommen. Neyman verlor in Runde 4 gegen Ikonnikov; Strunski war mit perfekten 5/5 gestartet, in Runde 6 musste er mit schwarz gegen Karpatchev spielen und die erste Niederlage hinnehmen. In Runde 7 musste er erneut mit schwarz spielen, diesmal gegen Ikonnikov, ernseut musste er hinter sich greifen. Dennoch reichte es für Strunski am Ende noch zu einem sehr guten 6. Platz. Igor Neyman dagegen profitierte in der letzten Runde von einem großzügigen „Entgegenkommen“ Aleksandr Karpatchevs, ihre Partie endete schnell Remis, Karpatchev sicherte sich so Platz 2, Neyman Platz 3 – nach seinem geteilten 4. Platz im Jahr 2011 ein weiteres hervorragendes Ergebnis, das zusätzlich noch mit dem Sonderpreis für den besten Spieler des Schachbezirks Stuttgart belohnt wurde.

7. Runde: Vyacheslav Ikonnikov – Andreas Strunski

Vladimir Epishin wirkte etwas müde, gab im Verlauf des Turniers dreimal nach eher kurzem Spiel einen halben Punkt ab, nur in Runde 5 blitzte sein großes Können auf – scheinbar mühelos besiegte er Lev Gutman. In der Endabrechnung belegte Epishin einen etwas enttäuschenden vierten Platz, Gutman erholte sich von seiner Niederlage und sicherte sich noch Platz 5.

Eine beeindruckende Leistung zeigte Vyacheslav Ikonnikov, der alle seine Partien sehr souverän gewinnen konnte, meist im Endspiel – mit einer Ausnahme, einem kurzen Remis in Runde 5 gegen seinen Vereinskollegen Karpatchev. Mit 6.5/7 war er am Ende eindeutiger und hochverdienter Turniersieger; auch Karpatchev spielte aber mit 6/7 und Platz 2 ein sehr gutes Turnier.

B-Turnier

Im B-Turnier gewann Tim Winkler von den Schachfreunden Deizisau. Er war mit 5/5 gestartet und sicherte sich durch Unentschieden in den beiden Schlussrunden den ersten Platz vor Max Schmidt, der ebenfalls auf 6 Punkte kam, aber die deutlich schlechtere Feinwertung aufwies. Auf den Plätzen 3. bis 5. folgten mit 5.5 Punkte Kai Dölker, Jens Nusser und Martin Recker. Inbesondere Reckers Ergebnis ist bemerkenswert und verdient höchste Anerkennung, da er blind ist, das Brett also nicht sehen kann, und sich für Stellungsbewertung und Zugauswahl auf ein Spezialbrett mit leicht zu ertastenden Feldern und Figuren verlassen muss.

C-Turnier

Im C-Turnier setzten sich anders als in den Jahren zuvor nicht die Jugend, sondern mit Oliver Schömbs ein erfahrener Spieler durch. Er führte aufgrund der besseren Feinwertung die Tabelle vor dem jungen Christos Visvikis an, mit einem halben Punkt Abstand folgte der ebenfalls sehr erfahrene Nikolaus Winterkorn.

Ein sehr herzliches Dankeschön geht alle ehrenamtlichen Helfer, die ihre Feiertage und ihr Wochenende „geopfert“ haben und dadurch dieses Turnier überhaupt erst ermöglichten. An vielen kleinen Stellen spürt und schätzt man den hohen Aufwand, den die Organisatoren betreiben – stets waren über die aktuelle Webseite und die Aushänge alle turnierrelevanten Informationen zu finden, sämtliche Fragen wurden schnell und unkompliziert beantwortet, das Turnierbulletin mit den wichtigsten Partien war meist bereits wenige Stunden nach dem Ende einer Runde verfügbar…

Ein ganz besonderes Lob verdienen die Teams in der Küche und an der Theke. Während des gesamten Turniers wurde mit hausgemachten Gerichten in Restaurant-Qualität für das leibliche Wohl der Teilnehmer gesorgt – kein Vergleich zu der manchmal etwas lieblosen Kost, die man von kommerziellen Catering-Unternehmen oder Imbiss-Stuben gewöhnt ist. Auch die charmanten Damen am Counter, die mit stets freundlichem Lächeln bei allen Teilnehmern immer für gute Laune sorgten, runden den durchweg positiven Eindruck ab – man fühlt sich als Spieler bei den Stuttgarter Stadtmeisterschaften einfach rundum wohl und gut umsorgt und kann das Turnier selbst dann in guter Erinnerung behalten, wenn es schachlich nicht so gut läuft.

Beste Stimmung an der Theke!

Ein Gedanke zu „Rückblick: Stuttgarter Stadtmeisterschaft 2012“

  1. Sehr schöne Nachbetrachtung von Philippe, da finden sich nicht nur die teilnehmenden Spieler von Gerlingen wieder… 😀

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